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Inflationsbekämpfung mit unzulänglichen Mitteln

In den USA steht die Regierung Biden vor einer galoppierenden Inflation, verfügt aber nur über ein begrenztes Instrumentarium, um den Anstieg der Gas- und Lebensmittelpreise einzudämmen.

Angesichts der in die Höhe schnellenden Gas- und Lebensmittelpreise und der Tatsache, dass sich die Inflation zur Hauptsorge der US-Wähler entwickelt hat (zur jüngsten Umfrage von Gallup gelangen Sie hier), überrascht es kaum, dass US-Präsident Biden alles in seiner Macht stehende tut – sowohl inhaltlich als auch rhetorisch –, um der Inflation Einhalt zu gebieten.

Die Realität sieht jedoch so aus, dass das Weiße Haus ohne den Kongress – der letztlich über die Finanzpolitik bestimmt – und die US-Notenbank – die Regie über die Geldpolitik führt und nach den Beteuerungen des Präsidenten weitestgehend unabhängig bleibt – in seinen Möglichkeiten der Inflationsbekämpfung eingeschränkt ist. Folgende Bemühungen sind im Gange oder werden geprüft:

  • Freigabe von Kontingenten aus der strategischen Erdölreserve (SPR): Die bemerkenswerteste Maßnahme, die bislang ergriffen wurde, ist die Ankündigung der Biden-Administration von Ende März, über einen Zeitraum von sechs Monaten 180 Millionen Barrel aus der SPR – dem Ölvorrat des Landes – freizugeben, um die fehlenden Ölimporte aus Russland zu ersetzen (die auf eine bis drei Millionen Barrel pro Tag geschätzt werden). Da die Raffinerien in den USA jedoch nahezu unter voller Auslastung betrieben werden und Arbeitskräfte, Infrastruktur und finanzielle Überlegungen einer Steigerung ihrer Kapazitäten weiterhin im Weg stehen, waren die Auswirkungen dieser Initiative relativ begrenzt, und der Gaspreis tendierte seit der Ankündigung weiter nach oben. Obgleich die US-Regierung ihre Bemühungen nun auf die Raffineriekapazität konzentriert, erwarten wir, dass die US-Gaspreise im Sommer neue Rekordhochs erreichen könnten.
  • Abschaffung von Zöllen: Das Weiße Haus erwägt, die von Präsident Trump auferlegten Zölle auf chinesische Güter aufzuheben, die nach manchen Schätzungen rund zwei Drittel der aus China importierten Waren betreffen (eine diesbezügliche Analyse des Peterson Institute finden Sie hier). In unseren Augen hätte eine Aufhebung der Zölle allerdings einen geringeren Effekt als einige in Washington behaupten, da sie den US-VPI bei vollständiger Umsetzung lediglich um rund 0,3 Prozentpunkte in die Knie zwingen würde – ein Betrag, der bei einer Teuerungsrate von zwei Prozent zwar einen großen Unterschied gemacht hätte, die Situation bei einem Kern-VPI von über sechs Prozent aber kaum merklich verändern würde. Außerdem ist es möglich, dass die tatsächlichen Auswirkungen inzwischen noch geringer ausfallen, da die Unternehmen seither mehrere Jahre Zeit hatten, ihre Lieferketten anzupassen, um die Auswirkungen der Zölle zu verringern. In der Tat scheint in den Quartalen seit der Zolleinführung ein gewisser Teil der chinesischen Importe durch Waren aus Europa ersetzt worden zu sein. Aus unserer Sicht wären nicht nur die Auswirkungen auf die Inflation begrenzt; darüber hinaus könnte es politischen Gegenwind aus dem republikanischen und dem demokratischen Lager geben sowie seitens der Wähler, die der chinesischen Regierung so negativ gegenüberstehen wie noch nie in der jüngsten Vergangenheit (Einzelheiten hierzu liefert eine Studie des Pew Research Center hier).
  • Bekämpfung der erhöhten Lebensmittelpreise: Die Regierung Biden ist bestrebt, den Preisauftrieb der Nahrungsmittel über eine Steigerung der inländischen Agrarproduktion einzudämmen und gegen oligopolistische Branchen vorzugehen, die vermeintlich ihre Preissetzungsmacht missbrauchen – insbesondere die Fleischwirtschaft (eine diesbezügliche Regierungserklärung finden Sie hier). Während diese Bemühungen im Lauf der Jahre wohl dazu beitragen, die inländische Lebensmittelversorgung zu verbessern und die USA in Sachen nationale Sicherheit robuster zu machen, sind jegliche Bemühungen mit Blick auf die Lebensmittelproduktion ganz klar langfristiger Natur und lassen sich vermutlich nicht vor den Zwischenwahlen realisieren.
  • Arzneimittelpreise, Steuergutschriften für erneuerbare Energien und Einwanderung? Politische Richtungsänderungen in diesen Bereichen könnten Hilfestellung bieten – wenn auch eher auf lange Sicht und nicht in unmittelbarer Zukunft. Dafür müsste jedoch der Kongress aktiv werden. Die Realität ist, dass viele der Maßnahmen, die von der Regierung Biden vorangetrieben wurden – noch lange bevor die Inflation zu dem wirtschaftlichen und politischen Problem wurde, das sie heute ist –, ein Handeln des Kongresses erfordern. So standen die Arzneimittelpreise (z. B. eine Befähigung von Medicare, die Preise auf ähnliche Weise wie andere Bereiche der US-Regierung auszuhandeln) und die Steuergutschriften für erneuerbare Energien auf der Agenda von Bidens Konjunkturpaket „Build Back Better“ (BBB), das seit Dezember ruht, als der demokratische Senator Joe Manchin (West Virginia) ihm den Wind aus den Segeln nahm. Eine abgespeckte Version des Konjunkturpakets, die vermutlich Steuergutschriften für erneuerbare Energien, Senkungen der Arzneimittelpreise und Anpassungen der Steuerordnung beinhalten würde, halten wir nach wie vor für möglich; entsprechende Fortschritte müssten jedoch bis zum Spätsommer (spätestens bis zum Frühherbst) erkennbar sein. Doch auch hier sind die kurzfristigen Auswirkungen auf die Inflation zu vernachlässigen.

Fazit: Die US-Regierung versteht, dass die Inflation sowohl ein wirtschaftliches als auch ein politisches Problem ist, das bei den Zwischenwahlen im November im Vordergrund stehen dürfte. In unseren Augen ist gegen Jahresende mit einer rückläufigen Inflation zu rechnen – wenn auch auf anhaltend hohem Niveau –, während sich die Verbrauchernachfrage weiter von Waren auf Dienstleistungen verlagert, die fiskalpolitischen Impulse nachlassen und die angespanntere Finanzlage das Wachstum hemmt. Die beinharte Realität ist, dass das Weiße Haus ohne die Währungshüter und den Kongress nicht viel tun kann, um in Sachen Inflation wirklich etwas zu bewirken. Nichtsdestotrotz ist davon auszugehen, dass die Regierung alles in ihrer eigenen Macht stehende tun und den Kongress weiter dazu drängen wird, bezüglich der BBB-Agenda aktiv zu werden – was auf kurze Sicht zwar keinen Einfluss auf die Inflation hätte, wohl aber dazu beitragen könnte, die demokratische Basis gestärkt in die Zwischenwahlen zu schicken.

Bitte besuchen Sie unsere Seite „Inflation und Zinsen“, um weitere Informationen zu diesen für Anleger wichtigen Themen zu erhalten.

Libby Cantrill koordiniert die Reaktionen von PIMCO auf Fragen der öffentlichen Politik und Allison Boxer ist Wirtschaftsexpertin mit Schwerpunkt USA und Kanada. Beide verfassen regelmäßige Beiträge für den PIMCO-Blog.

Autor

Libby Cantrill

Public Policy

Allison Boxer

Economist

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