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Den USA steht vermutlich eine tiefe, hoffentlich kurze Rezession bevor.

Die Störung am US-Arbeitsmarkt ist die gravierendste, die das Land in seiner jüngsten Vergangenheit erlebt hat, was nahelegt, dass der Rückgang der Gesamtaktivität ebenfalls deutlich heftiger ausfallen könnte.

Der schwere Schaden, der sich bereits am US-Arbeitsmarkt abzeichnet, ist ein klares Signal für den rezessionsbedingten Rückgang der Wirtschaftsaktivität. Gemäß unserer aktuellsten Prognose wird das reale Bruttoinlandsprodukt in den USA über das gesamte Berichtsjahr 2020 um fünf Prozent schrumpfen, wobei der heftigste Abschwung im zweiten Quartal erfolgen wird – ein geschätzter Rückgang um annähernd 30 Prozent gegenüber dem Vorquartal (annualisiert). Die Arbeitslosenquote könnte vorübergehend auf nahezu 20 Prozent steigen. Die trüben Aussichten für die US-Konjunktur haben die geld- und fiskalpolitischen Entscheidungsträger dazu veranlasst, mit massiven Hilfsprogrammen für notleidende Sektoren und Kommunen zu reagieren, um die Zeit vom Absturz bis zur Erholung zu überbrücken, wie wir in PIMCOs aktuellem Konjunkturausblick erörtern. Doch trotz all der unterstützenden Maßnahmen ist der Ausblick unseres Erachtens mit Abwärtsrisiken behaftet. So könnten die staatlichen Hilfen nicht schnell genug erfolgen oder wirksam genug sein, um Firmenpleiten abzuwenden, während sich die Verbraucherpräferenzen bezüglich Sparen und Konsum möglicherweise für immer wandeln.

Wir wussten, dass es schlimm werden würde – nur nicht, wie schlimm

Die gesundheitliche und humanitäre Krise, die durch das Coronavirus verursacht wurde, ist tragisch, und die Konsequenzen ihrer Eindämmung für die Wirtschaft sind erschütternd. In den kürzlich veröffentlichten offiziellen Arbeitsmarktstatistiken beginnt sich gerade erst abzuzeichnen, wie die Maßnahmen zur Viruseindämmung die US-Konjunktur mit überwältigender Kraft, Reichweite und Geschwindigkeit zum Stillstand bringen. In der Woche bis zum 28. März schnellte die Anzahl der Erstanträge auf Arbeitslosengeld auf 6,6 Millionen, womit sie den Rekord der vorangegangenen Woche (3,3 Millionen) für den stärksten Zuwachs innerhalb einer Woche brach (Quelle: US-Ministerium für Arbeit). Die kumulierte Zunahme der Erstanträge in den drei Wochen bis zum 28. März entspricht nun mehr als sechs Prozent der US-Erwerbsbevölkerung.

Es überrascht nicht, dass New York und Kalifornien – zwei der ersten US-Bundesstaaten, in denen die Schließung von Geschäften, die nicht der Grundversorgung dienen, angeordnet wurde – in diesem dreiwöchigen Zeitraum für die stärkste Zunahme der Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung verantwortlich waren. Doch auch andere Bundesstaaten meldeten zunehmende Erstanträge, einschließlich jener, deren BIP in hohem Maß von der Produktion (Pennsylvania, Michigan, Ohio, Illinois, Indiana) und Öl (Texas) abhängt.

Des Weiteren zeigte der Arbeitsmarktbericht des US-Bureau of Labor Statistics (BLS) für März 2020 trotz seiner rückwärtsgewandten Natur auf, dass es bereits früher zu Massenentlassungen kam, als die Arbeitslosenzahlen implizieren. Der Haushaltsbericht der BLS für März veranschaulichte, dass drei Millionen Stellen vor der Berichtswoche vom 12. März gestrichen wurden – und dass diese Entlassungen über die unterschiedlichsten Branchen verteilt waren und sich nicht nur auf das Beherbergungsgewerbe, die Gastronomie und den Einzelhandel beschränkten. Während in der Gastronomie nach offiziellen Angaben 459.000 Stellen im März abgebaut wurden, meldete auch der Gesundheitssektor – den wir für vergleichsweise robust gehalten hatten – eine Rekordzahl von Entlassungen.

Trotz der überwältigenden Anzahl der Stellenverluste gehen wir davon aus, dass die Zahlen in den bevorstehenden Wochen noch weiter steigen dürften. Weitere Bundesstaaten werden nicht essenzielle Geschäfte schließen, und die Sachbearbeiter für die Arbeitslosenunterstützung einen wachsenden Berg von Anträgen abzuarbeiten haben. Diese kumulierten Arbeitsplatzverluste könnten durchaus bis zu 20 Prozent des US-Arbeitsmarkts betreffen.

Blick auf das Ganze und Ausblick

Die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Störung am US-Arbeitsmarkt sind gravierender als alles, was in der jüngsten Vergangenheit zu beobachten war. Daraus folgt wohl, dass der Rückgang der Gesamtaktivität ebenfalls deutlich schwerwiegender sein wird. Deshalb gehen wird davon aus, dass das reale Gesamtwachstum der USA im ersten Quartal um mehr als zehn Prozent schrumpfen wird sowie um annähernd 30 Prozent im zweiten Quartal (beides annualisiert), während sich die US-Wirtschaftsaktivität – im Einklang mit unserem Basisszenario einer U-förmigen Erholung – wieder beleben und über das gesamte Jahr 2020 lediglich um etwa fünf Prozent nachlassen wird.

Zur Orientierung: Unsere prognostizierte maximale Kontraktion auf Quartalssicht von nahezu 30 Prozent in Q2 2020 ist deutlich stärker als der maximale Rückgang um acht Prozent, der während der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 ausgewiesen wurde. In ähnlicher Weise dürfte auch die Talsohle des jährlichen Wachstums im laufenden Jahr auf einem niedrigeren Niveau durchschritten werden als 2009. Andererseits ist die Anzahl der Quartale, über die mit einer Talfahrt in den USA gerechnet wird, geringer (zwei Quartale im Jahr 2020, verglichen mit vier während der Finanzkrise) – wobei es zwei äußerst hässliche Quartale werden könnten.

Nachdem die Pandemie ihren Höhepunkt in den USA überschritten hat, was nach verschiedenen Expertenschätzungen im Mai oder Juni der Fall sein dürfte, rechnen wir mit einer Wachstumserholung in zahlreichen Sektoren, wenn die Geschäfte wieder öffnen, der private Verbrauch wieder anzieht und die Arbeitnehmer wieder an die Arbeit zurückkehren. Erfreulicherweise wurde der Anstieg der Arbeitslosenquote im März weitgehend durch vorübergehende Entlassungen angetrieben, was nahelegt, dass diese Arbeitnehmer mit einer Wiedereinstellung rechnen können, nachdem die Corona-Krise abgeklungen ist. In der Zwischenzeit sollten Arbeitslosenunterstützung, Direktzahlungen an private Haushalte und Schuldenerlass-Programme für kleine Unternehmen eine gewisse Hilfestellung bieten. Demgegenüber werden sich Branchen, die in höherem Maß von Anlageinvestitionen abhängig sind – wie etwa das Baugewerbe und Hersteller von Geschäftsausstattung –, vermutlich langsamer erholen, da die Unternehmens- und Wohnungsbauinvestitionen wegen Einschränkungen in der Kreditvergabe und der Projektplanung über längere Zeit geringer ausfallen könnten.

Ein Wort zur Erfassung der BIP-Daten

Das wahre Ausmaß der wirtschaftlichen Auswirkungen werden wir vermutlich nicht vor Juni 2021 kennen. Denn im Vergleich zum Fertigungssektor sind die offiziellen Erhebungen im Dienstleistungssektor zeitverzögert und weniger häufig; das US-Bureau of Economic Analysis (BEA) zieht beide Bereiche heran, um BIP-Schätzungen aufzustellen. Die aktuellsten Daten zum Dienstleistungssektor in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (NIPA) des BEA stammen aus dem vierteljährlichen Dienstleistungsbericht (Quarterly Services Survey), der für die Veröffentlichung der vorläufigen BIP-Zahlen nicht verfügbar ist; anstelle dieser Daten wird das BIP im Dienstleistungssektor von den Mitarbeitern der BEA auf Ermessensbasis geschätzt. Selbst nach der ersten Veröffentlichung dieses Berichts könnte die geringe Erhebungsgrundlage (aufgrund von Firmenschließungen) für eine Verzerrung der Daten sorgen. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir das wahre Ausmaß des wirtschaftlichen Schadens erst Mitte 2021 kennen, wenn die neu berechneten Zahlen für 2020 vorgelegt werden.

Unterstützung der Wirtschaftspolitik

Wie wir in unserem Blog-Beitrag vom 30. März „Economic Fallout: Here Comes Congress!“ erläuterten, arbeitet die US-Regierung – nachdem sie ein 2,2 Billionen US-Dollar schweres Rettungspaket zur Unterstützung von US-Branchen, kleinen Unternehmen, Einzelpersonen sowie Bundesstaaten und Kommunen geschnürt hat – bereits ein weiteres Konjunkturprogramm aus. In der nächsten Runde (oder den nächsten Runden) könnte es zusätzliche Hilfen für Bundesstaaten und die Arbeitslosenversicherung sowie weitere Ausgaben für kleine Unternehmen und die Infrastruktur geben.

Doch trotz all der fiskalpolitischen Unterstützung zur Überbrückung der Finanzierungslücke zahlreicher Unternehmen und Haushalte sehen wir nach wie vor Abwärtsrisiken. Durch das Virus bedingte Geschäftsschließungen könnten länger andauern, als wir erwarten, während die kurzfristigen staatlichen Hilfen die Unternehmen und Einzelpersonen möglicherweise nicht schnell oder effektiv genug erreichen, um einen längerfristigen wirtschaftlichen Schaden abzuwenden. Außerdem schließen die staatlichen Rettungsprogramme nicht alle Segmente des Markts für Unternehmenskredite mit ein. So könnten breit gefächerte Insolvenzen bei Hochzinsunternehmen, die Millionen von US-Arbeitnehmern beschäftigen und dennoch keine direkte staatliche Unterstützung erhalten, stärkeren ökonomischen Gegenwind aufkommen lassen. Zugleich könnten Schieflagen in Bereichen, wie etwa private, mit Wohnimmobilien besicherte Verbriefungen (RMBS) oder mit gewerblichen Immobilienkrediten besicherte Wertpapiere (CMBS), sowie an den Leveraged-Loan-Märkten, die ebenfalls außen vor gelassen wurden, die Verfügbarkeit von Krediten und Hypotheken noch weit über den Zeitpunkt hinaus einschränken, zu dem die Geschäfte wieder laufen.

Letzten Endes sind wir der Auffassung, dass die US-Regierung und die Zentralbank alles Notwendige tun werden, um den längerfristigen Schaden für die US-Wirtschaft zu begrenzen, und dass der Virus-Ausbruch über kurz oder lang abklingen wird. Allerdings wird es bis dahin einige Unternehmenspleiten und BIP-Einbußen geben. Darüber hinaus könnten sich die Präferenzen der Verbraucher für immer wandeln, da überlaufene Reiseziele im Verhältnis zum Vorsorgesparen an Reiz verlieren.

Lesen Sie PIMCOs aktuellen Konjunkturausblick „Vom Absturz zur Erholung“, um detaillierte Einblicke in die Aussichten der Weltwirtschaft im Jahr 2020 sowie Schlussfolgerungen für Anleger zu erhalten.

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Tiffany Wilding ist US-Volkswirtin von PIMCO und verfasst regelmäßige Beiträge für den PIMCO-Blog.

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Tiffany Wilding

Volkswirtin Nordamerika

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