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Russland: Mehr Wachstum, weniger Inflation

Sanktionen und volatile Ölpreise haben Russlands Wiederauferstehung aus der Stagflation nicht aufhalten können.

Russland stand diesen Sommer im Mittelpunkt des Medieninteresses. Die westlichen Sanktionen wegen der Annexion der Halbinsel Krim, die Nachwirkungen der Ermittlungen über Russlands mutmaßliche Einmischung in den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf und die Rettungsaktion für die größte Privatbank des Landes im vergangenen Monat konnten jedoch nicht verhindern, dass Russland sich aus dem Korsett der Stagflation befreien konnte.

Ziel einer kürzlich zu Ende gegangenen Reise nach Moskau war es, die Auswirkungen dieser Ereignisse auf die Volkswirtschaft und den Kapitalmarkt abzuschätzen. Es geht dabei um die zentrale Frage, ob Russlands konjunktureller Aufschwung ausreichend Fahrt aufnehmen kann und dies dann von den Rating-Agenturen mit dem Label „Investment-Grade“-Status belohnt wird.

Vorläufige Schlussfolgerungen:

  • Sanktionen: Die nahezu verlassen wirkende US-Botschaft in Moskau symbolisiert wohl am besten den tiefen Riss in den Beziehungen zwischen Russland und Washington. Es ist dies das direkte Ergebnis der Ausweisung von US-Diplomaten – einer Retourkutsche für die amerikanischen Vorwürfe an Russland, sich in den US-Präsidentschaftswahlkampf eingemischt zu haben. Es ist auch ein Symbol dafür, dass eine Annäherung in den amerikanisch-russischen Beziehungen auf kurze Sicht ein Ding der Unmöglichkeit ist.

    Nichtsdestotrotz steht die Konfrontation mit dem Westen nicht gerade im Mittelpunkt der Debatte. Stattdessen dreht sich in Moskaus politischen Zirkeln, die durchaus zu einer humorigen Sicht auf die Dinge fähig sind, alles um die Frage, wer bei den Wahlen im März 2018 neben Präsident Wladimir Putin als Premierminister kandidieren wird. Während Putins Wiederwahl nahezu unausweichlich scheint, sehen viele die Wahl des Premiers als ein Omen für das, was man in den folgenden sechs Jahren erwarten darf. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt hat der Wahlausgang jedoch keine Auswirkungen auf unsere positive Grundeinstellung mit Blick auf lokale Wertpapiere und ausgewählte Schuld-Titel aus Russland.
  • Bankwesen: Russland steht auch vor innenpolitischen Herausforderungen, insbesondere in der Bankenbranche. Im vergangenen Monat schritt die Zentralbank ein, um die Otkritie-Bank zu retten, nachdem deren außerbilanzielle Betrügereien aufgeflogen waren. Seit unserem Besuch droht einem weiteren großen Finanzkonzern, der B&N-Bank, ein ähnliches Schicksal. In der Folge hat das Fragen aufgeworfen, inwieweit auch einige andere Banken des privaten Sektors in Schieflage geraten könnten.

    Diese Sorgen haben dazu geführt, dass die vermeintlich stärkeren Banken, vor allem die von der Regierung kontrollierten, Zuflüsse verzeichnen konnten. Das aber macht diese Institute noch liquider und einflussreicher in einem System, das der Staat ohnehin schon dominiert. Russland hat vermutlich einige der kompetentesten und zuverlässigsten Technokraten aller Schwellenländer. Aber die Möglichkeit der politischen Einmischung ist stets gegeben.
  • Ratings: Kann Russland eine Hochstufung auf „Investment-Grade“-Status erwarten? Die Hoffnung kam auf, als S&P im März einen „positiven Ausblick“ veröffentlicht hatte. Das starke Wirtschaftswachstum hat ebenfalls Erwartungen geschürt. Dennoch: Die Rating-Agenturen wollen ein nachhaltiges Wachstum jenseits der Schwelle von zwei Prozent sehen. Wir gehen deshalb davon aus, dass die Chance auf eine Hochstufung auf „Investment-Grade“ innerhalb der nächsten sechs Monate nicht höher als 50 Prozent ist. Die Chancen, dass Moody’s ein Upgrade verkündet, sind sogar noch geringer.

Die Quintessenz:

Wir erwarten, dass die Zentralbank den Leitzins weiter reduzieren wird, eventuell sogar mit höherer Geschwindigkeit. Das könnte dazu beitragen, dass das BIP-Wachstum dieses Jahr zwei Prozent erreicht. Es bleibt aber der Zweifel, ob es Russland wirklich gelingen kann, ohne eine größere wirtschaftliche Diversifikation stärker als 1,0 bis 1,5 Prozent pro Jahr zu wachsen.

Der volatile Rohölmarkt scheint indes nur geringen Einfluss auf den Rubel-Kurs zu haben, der oft als Gradmesser und Leitplanke für den Ölpreis dient. Die Währung könnte Unterstützung bekommen von Carry-Trades und den nach wie vor niedrigen Renditen in Schwellenländer-Volkswirtschaften.

Russlands sehr solider Staatshaushalt und der jüngste Wachstums-Schub deuten auf eine Investment-Grade-Story hin. Die Rating-Agenturen könnten Russland das Prinzip „Im Zweifel für den Angeklagten“ jedoch verweigern, solange der Aufschwung nicht stärker verankert ist. Wir bleiben deshalb optimistisch, aber vorsichtig.

Autor

Yacov Arnopolin

Portfoliomanager, Schwellenländer

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