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Ölpreise: Längerfristig niedriger

Angesichts des wachsenden Ölüberschusses gehen wir davon aus, dass US-Rohöl in den nächsten Monaten bei 30 bis 40 US-Dollar pro Barrel verweilen wird.

Neben seinem unmittelbaren, beeindruckenden Effekt auf die Finanzmärkte könnte der jüngste Verfall der Rohölpreise um 25% längerfristige Auswirkungen haben.

Nicht nur, weil die OPEC es versäumt hat, ihre Fördermenge beim zurückliegenden OPEC-Treffen zu kürzen, sondern vor allem, weil die wichtigsten Öllieferanten ihre Produktion offenkundig gesteigert haben, rechnen wir damit, dass Rohöl noch eine Weile unterhalb von 40 US-Dollar pro Barrel notieren wird. Ferner besteht das Risiko eines weiteren drastischen Einbruchs, sofern die Produktionssteigerungen über mehrere Quartale andauern. Dies wird sich auf viele Branchen niederschlagen, insbesondere auf die US-Schieferölindustrie, und für die Verbraucher rund um die Welt spürbar sein.

Was geschieht?

In einer einmaligen Zusammenkunft der Ereignisse erfahren die Ölmärkte derzeit sowohl einen Angebotsanstieg als auch einen Nachfrageschock.

Die Ausbreitung von Covid-19, die einen destabilisierenden Effekt hat und Menschenleben in zahlreichen Nationen gefährdet, dürfte das Gesamtwachstum erwartungsgemäß verlangsamen und damit auch die Nachfrage nach Öl – unsere Prognose für die erste Jahreshälfte 2020 geht derzeit von einem kurzfristigen Rückgang um rund zwei Millionen Barrel pro Tag aus. In Anbetracht dieses drohenden Nachfragerückgangs hat Saudi-Arabien die offiziellen Verkaufspreise für April um sechs bis acht US-Dollar pro Barrel gesenkt – die bislang stärkste Reduzierung in nur einem Monat, was im Wesentlichen den Beginn von Anstrengungen zur Ausweitung des Marktanteils gegenüber den anderen Förderländern signalisiert. Die Maßnahme wurde als Reaktion auf die wenige Tage zuvor von Russland getroffene Entscheidung eingestuft, die Produktionsmenge nicht im Einklang mit dem Ölkartell OPEC und anderen Förderländern einzuschränken – obwohl diesbezüglich Einigkeit unter den anderen Nationen herrschte.

Infolge der Meldung bezüglich der Preissenkung Saudi-Arabiens brachen die Ölpreise anfänglich um mehr als 30% ein. Der Brent-Ölpreis fiel unter 34 US-Dollar pro Barrel, und US-Rohöl sackte auf weniger als 28 US-Dollar ab – die niedrigsten Niveaus seit 2016. Der Verfall der Ölpreise war wiederum maßgeblich für den globalen Abverkauf von Aktien am 9. März verantwortlich. Da die Anleger wegen der Ausbreitung des Coronavirus bereits nervös sind, ging der S&P 500 um mehr als 7% in den Keller, während die Anleihenrenditen auf neue Rekordtiefs sackten.

Unserer Einschätzung nach war die Reaktion des Ölmarkts dramatisch, aber nicht ungerechtfertigt. Saudi-Arabien hat seine Fördermenge noch nie zuvor absichtlich erhöht, um einen negativen Angebotsschock herbeizuführen. Während der Ölüberschuss wächst, gehen wir davon aus, dass US-Rohöl in den nächsten Monaten bei 30 bis 40 US-Dollar pro Barrel verharren wird. Selbst die Entscheidung, den aktuellen Produktionsplan abzuändern, würde die Preise in Anbetracht der zunehmenden Nachfrageschwäche vermutlich nicht auf ihre vorangegangenen Niveaus zurückbefördern, und die Lagerbestände werden als Puffer agieren, der erst einmal abgebaut werden muss.

Anlageimplikationen: weitreichend

Die geringeren Ölpreise werden erwartungsgemäß weitreichende Folgen haben.

  • In den USA dürfte die Produktionsmenge zurückgehen und Ende 2020 sowie 2021 in beträchtliche Einschränkungen der Schieferölförderung münden. Während die USA vermutlich nicht die Ersten sein werden, die ihre aktuellen Bohrlöcher verschließen, wird der sich abzeichnende Investitionsrückgang der US-Produzenten letztendlich die erste Verringerung der US-Ölproduktion seit vier Jahren bewirken. Anders als im Jahr 2016 wartet das Kapital heutzutage jedoch nicht bereitwillig darauf, investiert zu werden. Die geringere Produktion würde zweifellos Regionen der USA treffen, die in hohem Maße auf die Investitionstätigkeit und die Arbeitsplätze der Energiebranche angewiesen sind, und wir rechnen dieses Jahr mit weiteren energiebezogenen Zahlungsausfällen und Insolvenzen unter angeschlagenen hochrentierlichen Explorations- und Förderunternehmen, Midstream-Unternehmen und Ölfelddienstleistern – möglicherweise in einem noch größeren Ausmaß als Ende 2015 und 2016, da die Finanzierungsmöglichkeiten rar sind und der Umfang von Schuldinstrumenten, die in den kommenden Jahren fällig werden, groß ist.
  • Die Ölförderstaaten werden sich vermutlich nach innen wenden und sich auf Staatsfonds stützen, die das Ausgabeniveau so weit wie möglich aufrechterhalten sollen. Für die Anleger wird es entscheidend sein, zwischen Ländern zu differenzieren, die politisch in der Lage sind, sich an die geringeren Öleinnahmen anzupassen, und jenen, die es unter Umständen nicht sind. Rohstoffimportierende Länder werden vermutlich Nutzen daraus ziehen, obgleich das Ausmaß vom Tempo der globalen Wirtschaftserholung abhängt.
  • Der Übergang von Öl auf alternative Energiequellen könnte sich langwieriger gestalten. Auf hohem Niveau schmälern günstigere Kohlenwasserstoffe die Anreize, auf andere Energiequellen umzusteigen. Elektrische Fahrzeuge werden verhältnismäßig teurer, wenn die Ölpreise sinken. Abseits ihrer politischen Mandate sollte der Rückgang der Energiepreise den Entscheidungsträgern mehr Raum geben, eine Kohlenstoffsteuer einzuführen. Bislang fehlte es trotz gewisser Fortschritte jedoch ganz allgemein an politischem Willen, diese Idee umzusetzen. Fazit: Niedrigere Ölpreise stellen eine Herausforderung für all jene dar, die um den Klimawandel besorgt sind.
  • Neben den Verbrauchern gibt es noch weitere Gewinner. Zweifelsohne dürften die Verbraucher am meisten von den niedrigeren Ölpreisen profitieren – eine rechtzeitige Atempause, da sich die Wirtschaft infolge der Auswirkungen des Coronavirus abkühlt. Andere voraussichtliche Gewinner der niedrigeren Ölpreise sind Raffinerien, die zumindest nicht mit einem Rückgang der Rohöllieferungen rechnen müssen, Handelshäuser und Öllager, die von Preisnachlässen profitieren, Frachtunternehmen, die in den Genuss von umfangreicheren Ladungen aus dem Mittleren Osten und dem Bedarf an schwimmenden Lagern kommen, und nicht zuletzt die US-Erdgaspreise, da das Angebot im Einklang mit der Ölförderung zurückgeht.

Worauf gilt es, in Zukunft zu achten?

Die wichtigste Beobachtung wird sein, wie lange die Fördermenge erhöht bleibt. In ein paar Wochen wird ein Überwachungsausschuss für den Ölmarkt zusammentreffen, der den Dialog unterstützen sollte. Darüber hinaus wird sich der russische Energieminister Alexander Novak mit russischen Ölkonzernen treffen, um über Investitionen und Produktionspläne zu beraten. Da es nur wenige Gewinner dieses Kurseinbruchs geben wird, ist es unter Umständen möglich, eine Planänderung auszuhandeln, obwohl wir diesem Ausgang nur eine geringe Wahrscheinlichkeit beimessen.

Neben den geopolitischen Akteuren wird der Markt die künftigen Entwicklungen bezüglich des Nachfrageeffekts von Covid-19 streng überwachen, ebenso wie die bevorstehende Aufstockung der Lagerbestände, die beträchtliche Ausmaße annehmen sollte. Zwar stellen diese Aussichten jene Anleger vor Herausforderungen, die long in Energiewerten sind; allerdings ist es lediglich fünf Monate her, dass der Markt infolge der Angriffe auf Saudi-Arabien besorgt war, ihm könnten die Kapazitätsreserven ausgehen. Im Laufe der bevorstehenden Jahre wird der Rückgang der US-Fördermenge durch Produktionssteigerungen der OPEC wettgemacht, und die verbleibenden Kapazitätsreserven zum Ausgleich von Ungleichgewichten werden weitgehend erschöpft sein.

Greg Sharenow ist ein Portfoliomanager mit Schwerpunkt Rohstoffe und Sachwerte und verfasst regelmäßige Beiträge für den PIMCO Blog.

Autor

Greg E. Sharenow

Portfolio Manager, Real Assets

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