Blog

Europas Arbeitspolitik: Kurzfristige Gewinne auf Kosten langfristiger Opfer?

Die in Europa angewandten Maßnahmen, um die Auswirkungen der Pandemie abzuschwächen, haben die Arbeitslosenquote stärker in ihre Grenzen gewiesen als in den USA. Obschon wir uns der wirtschaftlichen Risiken bewusst sind, die mit den steigenden Covid-19-Fallzahlen in den USA einhergehen, dürfte sich dieses Verhältnis aus unserer Sicht noch vor Jahresende umkehren.

Die in Europa angewandten Maßnahmen, die Auswirkungen der Pandemie abzuschwächen, haben die Arbeitslosenquote stärker in ihre Grenzen gewiesen als in den USA. Obwohl wir uns der wirtschaftlichen Risiken bewusst sind, die mit den steigenden Covid-19-Fallzahlen in den USA einhergehen, dürfte sich dieses Verhältnis aus unserer Sicht noch vor Jahresende umkehren.

Der US-amerikanische und der europäische Arbeitsmarkt haben sich im Verlauf der Krise sehr unterschiedlich entwickelt. Im Zeitraum Februar bis April stieg die Arbeitslosenquote der Euroregion lediglich um zehn Basispunkte auf 7,3 Prozent, während die US-Quote (U3) um 1120 Basispunkte auf 14,7 Prozent kletterte (Abbildung 1). Seither hat sich der Abstand zwischen den beiden Regionen zwar verringert, ist aber nach wie vor beträchtlich: Während die US-Arbeitslosenquote bis Juni auf 11,1 Prozent zurückging, fiel die Arbeitslosenquote der Eurozone im Mai mit 7,4 Prozent geringfügig höher aus (letzte verfügbare Daten).

Abbildung 1: Die Arbeitsmärkte im Euroraum und in den USA zeigten unterschiedliche Reaktionen auf die Krise

Einige Beobachter führen die robusten Beschäftigungsverhältnisse in Europa auf die geringere Flexibilität am Arbeitsmarkt zurück: Während das strengere Regelwerk für Einstellungen und Entlassungen üblicherweise als Schwäche angesehen wird, könnte es nunmehr von Vorteil sein, da es den Arbeitsplatzabbau begrenzt. Nach unserem Dafürhalten ist die unterschiedliche Entwicklung jedoch vor allem auf die verschiedenen Ansätze zurückzuführen, die die Politiker gewählt haben, um die Haushaltseinkommen in Zeiten der Krise zu stützen: Während sich die USA auf die Arbeitslosenhilfe konzentrieren, hat Europa einem Erhalt der Arbeitsplätze über Kurzarbeitergeld den Vorrang eingeräumt, bei dem die Regierungen bei einer Reduzierung der Arbeitszeit für einen Teil der Gehälter (zwischen 60 und 85 Prozent) aufkommen. Kurzum: Während die USA die Arbeitslosen bezahlt haben, um dem Markt seinen freien Lauf zu lassen, ist Europa über eine Subventionierung der Unternehmen gegen die Marktkräfte angegangen. Welcher Ansatz ist besser?

Blickt man einzig auf die Arbeitslosenzahlen, mutet die europäische Reaktion effektiver an. Ein direkter Vergleich ist jedoch schwer. So rechnen beispielsweise in den USA viele derzeit Arbeitslose damit, zu ihren früheren Arbeitgebern zurückzukehren, wobei jüngste Untersuchungen darauf hindeuten, dass die Erwartungen der Arbeitnehmer ein guter Indikator für die Wahrscheinlichkeit einer Wiedereinstellung sind. Was nahelegt, dass die offizielle US-Arbeitslosenquote zwar stärker gestiegen ist als jene der EU, dafür aber auch schneller zurückgehen sollte, wenn das akute Stadium der Krise vorüber ist.  Außerdem sind die europäischen Kurzarbeitsprogramme teuer, und mehrere Länder planen bereits, ihre Großzügigkeit im weiteren Jahresverlauf einzuschränken, was Fragen hinsichtlich ihres langfristigen Erfolgs aufwirft.

Potenzielle Arbeitslosigkeit

Dies hat uns dazu veranlasst, eine „potenzielle Arbeitslosenquote“ – beziehungsweise eine um die Kurzarbeit bereinigte Kennzahl für die europäische Arbeitslosigkeit – einzuführen, im Rahmen derer Kurzarbeiter als arbeitslos gezählt werden. Auch wenn dies zugegebenermaßen eine extreme Annahme ist, gibt uns die Kennzahl zumindest eine Vorstellung davon, wie hoch die Arbeitslosigkeit ausfallen könnte, wenn die kurzfristigen Rettungsprogramme auslaufen. In Europa befanden sich mit Stand vom Mai (letzte verfügbare Arbeitslosendaten für beide Regionen) 17 Prozent der deutschen1, 45 Prozent der französischen, 28 Prozent der italienischen und 13 Prozent der spanischen Erwerbsbevölkerung in Kurzarbeit (im Schnitt 25 Prozent der vier größten Euro-Länder). Wie Abbildung 2 zeigt, lag die europäische Arbeitslosenquote auf der Basis dieser um die politischen Maßnahmen bereinigten Kennzahl im Mai bei 33 Prozent, verglichen mit rund 15 Prozent in den USA2.

Die entscheidende Frage, die sich in Europa nun stellt, ist, wie viele Kurzarbeiter schlussendlich in die Arbeitslosigkeit übergehen werden. Unserer Einschätzung nach dürfte ein Teil von ihnen (nach unserer Prognose jeder sechste) infolge der krisenbedingten strukturellen Veränderungen – in Sektoren wie Reisen, Tourismus, Freizeit und Gastgewerbe – lange brauchen, um auf das Vorkrisenniveau zurückzukehren, sofern es überhaupt gelingt. Zugleich sind wir trotz der Risiken, die von der zuletzt gestiegenen Covid-19-Ansteckungsquote in den USA ausgehen, der Ansicht, dass der flexiblere und weniger spannungsanfällige US-Arbeitsmarkt in einem Umfeld des strukturellen Wandels letztlich besser abschneiden könnte als der europäische.

Abbildung 2: Die um die politischen Maßnahmen bereinigten Arbeitslosenquoten zeigen ein anderes Bild in Europa und den USA

In Hinblick auf die Risiken für Europa ist außerdem festzuhalten, dass die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden stärker zurückgegangen ist: um 3,1 Prozent im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal, verglichen mit 0,7 Prozent in den USA. Dies legt nahe, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften in Europa geringer ist, und signalisiert schwächere Beschäftigungsaussichten für die Zukunft.

Nicht zuletzt stellt Italien ein besonderes Risiko für die europäische Arbeitslosigkeit dar: Mit 7,8 Prozent rangierte die italienische Arbeitslosenquote im Mai 120 Basispunkte unter dem Niveau vom Februar – wobei dieser Rückgang ausschließlich dadurch zustande kam, dass Menschen aufgrund der eingeschränkten Mobilität, ihrer familiären Pflichten und der allgemeinen Vorsicht aus der Erwerbsbevölkerung ausschieden. Wie Abbildung 3 zeigt, wechselte der Beschäftigungsstatus von über einer Million Menschen im Zeitraum Februar bis April auf „inaktiv“. Einige von ihnen sind seit Mai in die Arbeitslosigkeit übergegangen, und es dürften noch weitere folgen. Ein zusätzlicher Faktor, der den Stellenabbau in Italien derzeit begrenzt, ist das gesetzliche Verbot, unbefristete Mitarbeiter zu entlassen – das etwa Mitte August außer Kraft treten soll. Sobald das Verbot aufgehoben oder gelockert wird, ist abermals mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit zu rechnen.

o	Abbildung 3:
 Italiens wachsende inaktive Bevölkerung könnte sich bald auf Stellensuche begeben

Neben dem Ansteckungsrisiko werden die Arbeitslosenquoten in Europa und den USA davon abhängen, wie gewillt und fähig die politischen Entscheidungsträger sind, ihre Hilfsmaßnahmen aufrechtzuerhalten, wie viele Unternehmen rentabel bleiben, wie tief greifend die strukturellen Veränderungen ausfallen und als wie anpassungsfähig sich die einzelnen Länder erweisen. Unserer aktuellen Prognose zufolge wird die zuletzt schwächere Entwicklung des US-Arbeitsmarkts nicht andauern; bis zum Jahresende rechnen wir mit einem Rückgang der US-Arbeitslosenquote auf etwa neun Prozent, während die europäische Arbeitslosenquote im gleichen Zeitraum auf rund elf Prozent steigen dürfte.

Risiken aufgrund der unterschiedlichen Covid-19-Entwicklungen in den USA und Europa

In Anbetracht der zuletzt abweichenden Covid-19-Entwicklungen in den USA und Europa sind unsere Basisprognosen mit einer größeren Unsicherheit behaftet. Während es Europa bis dato gelungen ist, das Infektionsgeschehen in Schach zu halten, nahmen die Covid-19-Fallzahlen in mehreren US-Bundesstaaten, die für etwa 40 Prozent der US-Wirtschaftsleistung verantwortlich sind, deutlich zu – was unsere Prognosen auf den Prüfstand stellen könnte.

Als weitere Herausforderung könnte sich der jüngste Wandel des Verbraucherverhaltens erweisen, der in den USA zu beobachten war: In den vergangenen Wochen fielen die gewerblichen Einkünfte und die Konsumausgaben zunehmend geringer aus – insbesondere in Gebieten, die von den akutesten Ausbrüchen betroffen sind. Dies könnte den Bedarf an zusätzlichen fiskal- und geldpolitischen Hilfsmaßnahmen erhöhen und sich negativ auf die US-Arbeitslosenquote auswirken.

Lesen Sie PIMCOs aktuellen Konjunkturausblick Der lange Weg zurück, um detaillierte Einblicke in die Aussichten für die Weltwirtschaft im Jahr 2020 sowie Schlussfolgerungen für Anleger zu erhalten.

JETZT LESEN



Zur Berechnung wurde die Gesamtzahl der im Mai gestellten Anträge auf Kurzarbeit um die tatsächliche Inanspruchnahme des Programms in den Vormonaten bereinigt.
2 Die Anzahl der US-Erwerbspersonen, die von ähnlichen Maßnahmen zum Arbeitsplatzerhalt wie in Europa profitieren, wurde anhand der Menschen bestimmt, deren Arbeitsplätze dank der staatlichen Darlehen an Unternehmen im Rahmen des Payment Protection Program (PPP) erhalten blieben. Obwohl die Anzahl dieser Beschäftigten nicht veröffentlicht ist, fiel sie im Mai unserer Einschätzung nach recht gering aus.
Autor

Nicola Mai

Portfoliomanager, Sovereign Credit Analyst

Tiffany Wilding

Volkswirtin Nordamerika

ÄHNLICHE ARTIKEL

Rechtliche Hinweise

London
PIMCO Europe Ltd
11 Baker Street
London W1U 3AH, England
+44 (0) 20 3640 1000

Dublin
PIMCO Europe GmbH Irish Branch,
PIMCO Global Advisors (Ireland)
Limited
3rd Floor, Harcourt Building 57B Harcourt Street
Dublin D02 F721, Ireland
+353 (0) 1592 2000

Munich
PIMCO Europe GmbH
Seidlstraße 24-24a
80335 Munich, Germany
+49 (0) 89 26209 6000

Milan
PIMCO Europe GmbH - Italy
Corso Matteotti 8
20121 Milan, Italy
+39 02 9475 5400

Zurich
PIMCO (Schweiz) GmbH
Brandschenkestrasse 41
8002 Zurich, Switzerland
Tel: + 41 44 512 49 10

Madrid
PIMCO Europe GmbH - Spain
Paseo de la Castellana, 43
28046 Madrid, Spain
Tel: +34 810 809 912

PIMCO