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Fallstudie zu ESG, Kreditrisiko und Ratings

Das vorliegende Material wurde ursprünglich von der Investoreninitiative UN Principles for Responsible Investment (PRI; Prinzipien für verantwortliches Investieren) am 31. Januar 2019 veröffentlicht.

ESG-Kriterien sind bei PIMCO fester Bestandteil der Analyse des Länderrisikos und spielen bei der Bewertung der Bonität eines Landes für uns eine wichtige Rolle. Wir sind davon überzeugt, dass sich durch die Integration von ESG-Faktoren in traditionelle Länderanalysen Anleihen mit potenziell niedrigerem langfristigem Kredit- bzw. höherem Ausfallrisiko sowie Länder mit positivem und/oder negativem Momentum identifizieren lassen. Beides spielt bei der Bewertung des mittelfristigen Ausfallrisikos eines Landes und des Preises des kurzfristigen Kreditrisikos von Staaten eine wesentliche Rolle.

Bei der Überlegung, welche ESG-Faktoren bei der Analyse des Länderrisikos zu berücksichtigen sind, stellen potenzielle latente Risiken eine große Herausforderung dar, weil sie sich oftmals nur langfristig zeigen und sich häufig indirekt auf die Kreditwürdigkeit auswirken. Dabei können die jeweiligen Positiv- und Negativeffekte erheblich sein. Ein Beispiel dafür ist der Arabische Frühling 2011: Extrem hohe Arbeitslosigkeit, Einkommensungleichheit und geringe politische Mitbestimmung sorgten jahrzehntelang für ein im Wesentlichen „stabiles Ungleichgewicht“. Diese Ausgangssituation bildete jedoch den Nährboden für die plötzlich massiven Proteste für gesellschaftliche und politische Veränderungen in der Region. Rasch entstand ein latentes Risiko – mit tief greifenden Auswirkungen auf Staatsanleihen.

Anlageprozess

PIMCO versucht, latente Risiken von Staatsanleihen durch einen vielschichtigen Ansatz aufzuspüren und zu analysieren. Er umfasst unter anderem folgende Elemente:

  • Unternehmenseigenes Bewertungsmodell: Das interne Bewertungsmodell für Staatsanleihen von PIMCO bezieht viele quantitative ESG-Indikatoren mit ein, unter anderem kurz- und langfristige Treiber für das Kreditrisiko sowie Variablen, die sich eher langsam entwickeln und diffusere Auswirkungen haben. Dazu zählen etwa Maßnahmen zur Förderung der politischen Stabilität, Mitspracherechte und Verantwortlichkeit, Rechtsstaatlichkeit, Einkommensungleichheit, Alphabetisierung sowie Arbeitsmarkt- und Gesundheitsindikatoren. Diese ESG-Variablen sind in dem Modell zusammen mit ca. 25 Prozent gewichtet und wirken sich somit unmittelbar auf unsere absoluten Länder-Ratings aus. Bei größeren Verschiebungen im Lauf der Zeit tragen sie darüber hinaus zu Änderungen unserer Rating-Prognosen bei.
  • Externe Analysen: PIMCOs interne Bewertungen von Staatsanleihen werden durch Analysen von Ratingagenturen, internationalen Finanzinstitutionen wie dem Internationalen Währungsfonds und eigenständigen Beratern für Staatsanleihen ergänzt. Bei Bewertungsunterschieden versuchen wir gemeinsam mit den Herausgebern der Analysen herauszufinden, worauf diese Unterschiede zurückzuführen sind und auf welchen grundlegenden Annahmen diese alternativen Analysen basieren. Das ist vor allem bei latenten ESG-Risiken wichtig, die je nach Ansatz von unterschiedlicher Bedeutung sind.
  • Eigenständiger ESG-Score: Unser Bewertungsmodell für Staatsanleihen wird durch einen eigenständigen ESG-Score ergänzt, der ein breiteres Spektrum an Variablen beinhaltet als das Staatsanleihen-Modell. Unter anderem deckt er sich sehr langsam entwickelnde latente Risiken wie Indikatoren zu Sterblichkeit und Gesundheit ab sowie Indikatoren, die auf indirektem Weg, beispielsweise über Arbeitsmarktstandards, das Kreditrisiko beeinflussen können.
  • Szenarioanalysen: Schließlich bewerten wir mithilfe von länderspezifischen Szenarioanalysen die mittelfristigen Extremrisiken. Hierzu zählen unter anderem Risiken im Zusammenhang mit Regimewechseln, der langfristigen Schuldendienstfähigkeit, Ressourcenabbau und Naturkatastrophen. Anhand dieser Analysen können wir wesentliche Risiken für Anlagen, Länder mit besonders hohem Risiko und deren Notfallpläne identifizieren.

Unseres Erachtens lassen sich durch eine Kombination aus unserem Bewertungsmodell für Staatsanleihen, externen Analysen, eigenständigem ESG-Score und Szenarioanalysen latente Länderrisiken besser bewerten. Bei unserem Bewertungsmodell fließen diese Risiken direkt in unser Rating ein. Die externen Analysen und der ESG-Score signalisieren in den Ratings nicht ausdrücklich berücksichtigte Probleme. Die Szenarioanalysen bilden einen Rahmen, um die Wahrscheinlichkeit dieser Ergebnisse und deren Folgen einschätzen zu können.

Anlageergebnisse

Dank dieses Ansatzes kann PIMCO potenzielle latente Risiken langfristig erkennen und negative Extremrisiken (d. h. relativ unwahrscheinliche Ereignisse mit potenziell gravierenden Auswirkungen) besser kontrollieren. Auf diese Weise haben wir das schwierige Umfeld nach dem Arabischen Frühling gut überstanden, als die politische Lage in einigen Ländern der Region unsicherer wurde. Außerdem konnten wir dadurch Länder mit ähnlichen Risiken identifizieren. Insbesondere hat dieser Ansatz unseren Umgang mit Blick auf die sozialen Risiken im Anschluss an die Schuldenkrise in der Eurozone geprägt. Damals haben wir im Voraus die Verschiebung hin zu populistischen Regierungen und die daraus resultierenden Spannungen zwischen den Kern- und Peripherieländern der Eurozone erkannt. Dementsprechend haben wir in der Anfangsphase der Krise das Risiko in Europa nur vorsichtig erhöht.

Unser Ansatz in Bezug auf latente ESG-Risiken floss daneben auch maßgeblich in unsere Bewertung von Regierungswechseln weltweit, unter anderem in Brasilien, Mexiko und Argentinien, ein und half bei der Bewertung, wo politische Regime ungeachtet dieser latenten Risiken an der Macht blieben, so z. B. in Südafrika und Russland. Auf Mikroebene gestattete die Fokussierung auf Ereignisse wie Streiks, Proteste und Unruhen eine fundiertere Analyse staatlicher Reaktionen, die sich unmittelbar auf das Kreditrisiko auswirken können. So mahnten uns z. B. die Steuererleichterungen nach dem Streik der Lkw-Fahrer in Brasilien angesichts einer möglichen Rentenreform im Vorfeld der Wahlen im Oktober 2018 zu erhöhter Vorsicht bei Anlagen in dem Land (siehe Abbildung 1).

ESG, Credit Risk and Ratings: A Case Study Chart

Wichtigste Schlussfolgerungen

Fazit: Die proaktive, laufende Neubewertung unserer Anlagen und des Kreditrisikos ist bei der Identifizierung und Bewertung von latenten ESG-Risiken im Rahmen der Analyse von Staatsanleihen oberstes Gebot. Sie werden angesichts der Konzentration auf kurzfristige wesentliche Risiken gern übersehen. Das kann wegen deren Ambivalenz und der potenziell gravierenden Folgen jedoch dazu führen, dass erhebliche Portfoliorisiken übersehen und/oder wichtige Anlagechancen verpasst werden.

Erfahren Sie mehr über PIMCOs ESG-Plattform.

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Autor

Lupin Rahman

Head of EM Sovereign Credit

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