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COVID‑19: Die Auswirkungen könnten sich verschlimmern, bevor sich die Situation entspannt

Wie uns die Geschichte lehrt, haben Epidemien üblicherweise nur kurzfristige Auswirkungen auf die Volkswirtschaften und die Märkte. Was das Coronavirus betrifft, bleibt die Unsicherheit jedoch groß.

Die Angst vor dem Schaden, den das Coronavirus anrichten könnte, hat die Märkte in hellen Aufruhr versetzt; doch während sich die Konjunktur vermutlich abschwächen dürfte – in einigen Regionen sogar beträchtlich –, sollte sich das Wachstum wieder erholen, sobald der Ausbruch eingedämmt ist.

Nichtsdestotrotz ist die Verunsicherung zum jetzigen Zeitpunkt groß. Es besteht die Möglichkeit, dass die chinesische Wirtschaft stärker schrumpft als erwartet, ebenso wie das Potenzial, dass Quarantänen und andere Maßnahmen die Wirtschaftsaktivität außerhalb Chinas unmittelbar lähmen. In der Tat sind sich die Seuchenexperten weitgehend einig, dass sich das Virus noch weiter ausbreiten könnte, bevor sich die Lage bessert.

China – wo Anfang Dezember der erste Fall der Coronavirus-Erkrankung gemeldet wurde – trifft es am härtesten. Die Behörden haben Quarantänen für mehrere Provinzen angeordnet, einschließlich jener entlang der Ostküste, die den Löwenanteil zum chinesischen Bruttoinlandsprodukt (BIP), der Produktion und der Handelsaktivität beitragen. Trotz Berichten, dass Produktionsstätten und Unternehmen ihre Tore im Anschluss an das verlängerte chinesische Neujahrsfest wieder öffnen, legen laufenden Daten zu Verkehrsstatus und Verschiffungen nahe, dass die Aktivität stark gedämpft bleibt.

Je länger die Quarantänen auf die chinesische Wirtschaftsaktivität drücken, desto weiter werden die volkswirtschaftlichen Kosten steigen. Schwächere Unternehmen, die Unterbrechungen ihrer Zahlungsströme nicht überbrücken können, werden nach und nach in Schwierigkeiten geraten, was sich an den Finanzmärkten niederschlagen, die Finanzbedingungen belasten und die Wirtschaftsschwäche noch intensivieren könnte.

Da China derzeit für schätzungsweise 25 Prozent der globalen Produktionstätigkeit verantwortlich ist, werden die Konsequenzen rund um die Welt spürbar sein.

Es handelt sich zugleich um einen Angebots- und einen Nachfrageschock. Die meisten Länder werden direkt betroffen sein, da sich ihre Ausfuhren nach China verringern. Bereits heute werden die Preise von Industriemetallen und Rohöl durch die rückläufige Rohstoffnachfrage der Volksrepublik belastet.

Auf der Angebotsseite ist eine Hauptsorge, dass die verringerte Produktion von in China gefertigten Komponenten in Preisanstiegen resultieren und Hersteller außerhalb der Volksrepublik zwingen könnte, neue Bezugsquellen zu erschließen oder, im schlimmsten Fall, die Produktion einzustellen. Gleichwohl ist die Umstellung von Lieferketten ein komplexer Prozess, dessen Realisierung vermutlich drei bis fünf Jahre in Anspruch nehmen würde – demnach könnte die Wirtschaftstätigkeit durch kurzfristige Versorgungsengpässe wesentlich beeinträchtigt werden.

In China gehen wir davon aus, dass das reale BIP-Wachstum im ersten Quartal um 6 Prozent geringer ausfallen dürfte (annualisiert gegenüber dem Vorquartal), was einem Rückgang der jährlichen Wachstumsrate auf 3 Prozent entspricht. Im vergangenen Jahr wuchs das Reich der Mitte um durchschnittlich 6 Prozent.

Am zweitstärksten dürften asiatische Volkswirtschaften in Mitleidenschaft gezogen werden – vor allem Singapur, Malaysia und Vietnam in Südostasien und Japan und Südkorea in Nordostasien. Unserer Einschätzung nach werden auch die europäischen Volkswirtschaften und die USA nicht außen vor bleiben, wobei es Europa vermutlich härter treffen dürfte als die USA, da der Wirtschaftsraum mehr Waren an China exportiert und offener für den Welthandel ist.

Zu den Sektoren, die am anfälligsten für den Schock sind, zählen die Energie- und die Automobilbranche, gefolgt von Glücksspielunternehmen, Kreuzfahrtgesellschaften, dem Gastgewerbe und Fluglinien.

Politische Reaktionen

Während die chinesische Notenbank PBOC ihre Zinsen gesenkt, Liquidität bereitgestellt und gezielte Maßnahmen zur Glättung der Zahlungsströme von Unternehmen und Verbrauchern ergriffen hat, haben die Zentralbanken der Industrieländer kaum mehr getan, als die zunehmenden Risiken zu bestätigen.

Per 28. Februar waren die meisten Vertreter der US-Notenbank Fed weiterhin überzeugt, dass es zu früh sei, um die Auswirkungen des Krankheitserregers zu beurteilen. Offenbar zögern die Währungshüter, ihren geldpolitischen Kurs zu lockern, da sich die US-Wirtschaftsdynamik zuletzt verbessert hat und die Geldpolitik ihrer Ansicht nach bereits expansiv ist. Des Weiteren gibt es gewisse Zweifel an der Wirksamkeit von Zinssenkungen, wenn es darum geht, einem angebotsseitigen Schock entgegenzuwirken.

Zugleich deutet die Talfahrt der weltweiten Aktienmärkte – ein Echtzeit-Indikator – darauf hin, dass sich die wirtschaftlichen Fundamentaldaten womöglich schneller verschlechtern als bislang angenommen. Folglich ist eine vorausschauende Politik vonnöten, um die Finanzlage zu stabilisieren und eine stärkere Beeinträchtigung der Wirtschaft abzuwenden.

Kurz vor Marktschluss erklärte US-Notenbankchef Jerome Powell, dass die Fed bei Bedarf angemessen agieren werde. Nach unserer Einschätzung werden die US-Notenbanker bei ihrer nächsten Zusammenkunft im Offenmarktausschuss am 18. März eine präventive Zinssenkung ankündigen und weitere Senkungen im Bedarfsfall nicht ausschließen. Wenn sich die Lage weiter verschlechtert, halten wir sogar eine Zinssenkung um 50 Basispunkte für möglich. Die politischen Entscheidungsträger sind bestrebt, eine noch unkontrolliertere Verschärfung der finanziellen Rahmenbedingungen zu vermeiden, die den Konjunkturschock noch verschlimmern könnte. Infolge der ausgeprägten Kurseinbrüche an den Aktien- und Anleihenmärkten werden wir darauf achten, in welchem Ausmaß die Banken beginnen, der Wirtschaft Gelder zu entziehen – welche die Konjunktur dringend benötigt.

Nach Angaben der europäischen Zentralbanken und insbesondere der EZB, die die Situation mit Sorgfalt beobachten, ist es noch zu früh, um die Auswirkungen von COVID-19 auf die Wirtschaftstätigkeit und die Politik abzuwägen. Ähnlich wie die Fed wird die EZB unter Umständen jedoch handeln müssen, denn je länger die Turbulenzen an den Finanzmärkten anhalten, desto schwerwiegender könnten die Abwärtsrisiken ausfallen.

Lektionen der Geschichte

Unter dem Strich verhält es sich mit den meisten Coronaviren wie mit der Grippe – für gewöhnlich nimmt ihre Ausbreitung im Sommer ein Ende. Wenn die Vergangenheit auf die Zukunft schließen lässt, sollten sich die Konjunktur und das Wachstum im Zeitablauf also wieder normalisieren. Gleichwohl ist die Situation ungewiss, und es ist zu früh, um die finalen Auswirkungen des Coronavirus – auf die Gesundheitssituation, die Volkswirtschaften und die Märkte rund um die Welt – mit hoher Wahrscheinlichkeit zu bestimmen.

Aus diesem Grund werden wir in der Portfoliopositionierung vorsichtig bleiben und behalten die Liquidität und potenzielle Marktverwerfungen im Auge. Obgleich die jüngsten Marktschwankungen Einstiegschancen schaffen könnten, mahnen wir zur Vorsicht, zu diesem Zeitpunkt nicht vorschnell Risiken einzugehen.

Autor

Tiffany Wilding

Volkswirtin Nordamerika

Nicola Mai

Portfoliomanager, Sovereign Credit Analyst

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